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Montag, 29. September 2014

© Luchterhand Literaturverlag
384 Seiten
29. September 2014
ISBN: 978-3630874500
Original:
To Rise Again at a Decent Hour

Joshua Ferris: Mein fremdes Leben

MEIN FREMDES LEBEN von Joshua Ferris ist ein intelligenter Roman, der lustig, nachdenklich, manchmal etwas tragisch, aber stets erfrischend selbstironisch ist.

Zahnarzt Paul O’Rourke ist ein gemachter Mann; seine Praxis an der Park Avenue im Herzen New Yorks läuft bestens. Doch privat weiß er nicht so richtig etwas mit sich anzufangen. Er liebt sein iPhone, die “Ich-Maschine”, obwohl er das Internet ablehnt, sucht er ständig nach seinem Namen, er mag Baseball, findet die Siege seines Red Sox-Lieblingsteams jedoch unerträglich, er ist Atheist, setzt sich aber ständig mit Gott und der Welt auseinander. Genauso uneinheitlich verhält er sich seinen Mitarbeiterinnen gegenüber – mal freundschaftlich, dann wieder kühl untersetzt. Da er es ablehnt, sich als Zahnarzt im Internet zu präsentieren, unterhält er weder eine Webseite noch ein Facebookkonto. Doch dann muss er feststellen, dass ein Fremder dies bereits für ihn erledigt hat und sogar auf Facebook und Twitter in seinem Namen schreibt. Und auch hier reagiert Paul ambivalent: Er ist entrüstet, lässt sich aber auf eine Diskussion mit dem Fremden ein – zumal sein Alter Ego, der Online-Paul, in vielen Bereichen weitaus sympathischer wirkt, als der echte. Auf der Suche nach dem geheimnisvollen Fremden vernachlässigt Paul immer mehr sein reales Leben und stürzt sich in die digitale Welt.

In seinem dritten Roman beschäftigt sich Joshua Ferris mit einem Zahnarzt in seinen Dreißigern, der es sich im Leben nicht einfach macht. Beruflich erfolgreich, aber sonst ohne klare Entscheidungen laviert er sich so durch und fragt ständig nach Sinn und Ziel des Lebens – was jedoch nicht heißt, dass er es auch wirklich ändern wollte. Aber: Muss man denn tatsächlich allem eine Richtung geben, ist die Zugehörigkeit zu dieser oder jener Gruppe am Ende von Bedeutung? Der Autor macht die Widersprüchlichkeiten seiner Figur an vielen Diskussionen fest, die er mit viel Humor, aber durchaus auch mit Ernsthaftigkeit beschreibt. So setzt sich der überzeugte Atheist mit dem Christentum (wegen der früheren katholischen Freundin) und dem Judentum (wegen der anderen, jüdischen Ex) auseinander, tritt aber weder der einen, noch der anderen Glaubensrichtung bei. Und wie steht es um die Differenz zwischen dem Bild, das wir selbst von uns haben und dem, das die Außenwelt von uns sehen soll? Wie viel Darstellung meines Selbst liegt im digitalen Ich? In Ferris’ Story übernimmt erst einmal jemand anders Pauls digitales Abbild, und dies bewirkt zu seiner eigenen Überraschung auch Veränderungen bei ihm selbst – ein spannendes Gedankenexperiment, das Anlass zum Nachdenken über unser eigenes Verhalten in den sozialen Netzwerken gibt. Ein intelligenter Roman, der lustig, nachdenklich, manchmal etwas tragisch, aber stets erfrischend selbstironisch ist.

Joshua Ferris wurde 1974 in Illinois geboren. Sein erster Roman „Then We Came to the End“, dt. “Wir waren unsterblich”, (2007) erschien in 24 Ländern, wurde mit dem Hemingway Foundation/PEN Award ausgezeichnet und für die Shortlist des National Book Award nominiert. Mit seinem zweiten Roman „Ins Freie“ kam Joshua Ferris 2010 auf die prestigeträchtige Auswahlliste „20 Under 40“ des Literaturmagazins The New Yorker. Beide Romane wurden von der Kritik hoch gelobt und waren internationale Bestseller. Joshua Ferris lebt mit Frau und Kind in New York.

Rezension von Silke Schröder

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